Non-GAAP vs. GAAP EPS: Welcher Gewinn zählt?
In der Kategorie: Fundamentale Kennzahlen
Bei der Analyse von US-Aktien stoßen Anleger in Quartalsberichten unweigerlich auf zwei verschiedene Versionen des Gewinns je Aktie (Earnings per Share, EPS): GAAP EPS und Non-GAAP EPS (oft auch als „adjusted“ oder bereinigtes EPS bezeichnet). Während die eine Kennzahl einem strengen, gesetzlichen Regelwerk folgt, soll die andere die tatsächliche operative Dynamik abbilden. Für Investoren stellt sich die fundamentale Frage: Welcher Gewinn ist für die Bewertung entscheidend?
Definition: Der Unterschied zwischen GAAP und Non-GAAP
- GAAP EPS (Generally Accepted Accounting Principles): Dies ist der offizielle, nach den US-Rechnungslegungsstandards ermittelte Nettogewinn dividiert durch die Anzahl der Aktien. Er ist stark reguliert, standardisiert und sichert die formelle Vergleichbarkeit von Unternehmen. Er enthält jedoch auch viele buchhalterische, nicht-zahlungswirksame Effekte.
- Non-GAAP EPS: Dies ist eine vom Management modifizierte Kennzahl. Hierbei werden bestimmte, oft nicht-operative oder einmalige Kostenfaktoren aus dem GAAP-Ergebnis herausgerechnet, um die nachhaltige Ertragskraft des Kerngeschäfts darzustellen.
Typische Anpassungen (Adjustments) auf dem Prüfstand
Um vom offiziellen GAAP-Gewinn zum Non-GAAP-Gewinn zu gelangen, nehmen Unternehmen meist drei Standard-Bereinigungen vor:
- Aktienbasierte Vergütung (Stock-based Compensation): Da Mitarbeiteraktienoptionen keine direkten Cash-Abflüsse darstellen, rechnen insbesondere Technologiekonzerne diese massiven Kosten im Non-GAAP-Ergebnis heraus.
- Abschreibungen aus Übernahmen (Amortization of Intangibles): Buchhalterische Abschreibungen auf immaterielle Vermögenswerte, die durch Akquisitionen entstanden sind, werden eliminiert.
- Restrukturierungskosten: Einmalige Aufwendungen für Stellenabbau, Werksschließungen oder strategische Neuausrichtungen werden addiert.
Warum Analysten Non-GAAP bevorzugen – und was die SEC kritisiert
Die Konsens-Schätzungen an der Wall Street basieren fast ausschließlich auf der Non-GAAP-Basis. Analysten nutzen diese Zahlen, um die zukünftige operative Entwicklung ohne das „Rauschen“ von Sondereffekten zu prognostizieren.
Die US-Börsenaufsicht SEC betrachtet diesen Trend jedoch mit Argwohn. Sie kritisiert regelmäßig eine zu kreative Definition dieser Kennzahlen. Unternehmen neigen dazu, wiederkehrende Betriebskosten (wie die aktienbasierte Vergütung) als „einmalig“ zu deklarieren, um ihre Profitabilität künstlich aufzuhübschen.
Praxis-Tipp: Die Überleitungsrechnung (Reconciliation) als Qualitätscheck
In jedem Quartalsbericht (Form 10-Q oder 10-K) sind Unternehmen gesetzlich verpflichtet, eine Überleitungstabelle (Reconciliation) zu veröffentlichen, die zeigt, wie das GAAP-EPS in das Non-GAAP-EPS überführt wurde.
Eine große Lücke zwischen beiden Werten ist ein wichtiges Warnsignal für den Qualitätscheck der Bilanz: Liegt das Non-GAAP EPS dauerhaft signifikant über dem GAAP EPS, verwässert das Unternehmen womöglich seine Aktionäre durch exzessive Aktienoptionen oder verschleiert durch permanente „einmalige“ Restrukturierungen ein schwächelndes Kerngeschäft.
Fazit
Das Non-GAAP EPS hilft Anlegern, den operativen Trend eines Unternehmens besser zu verstehen. Um jedoch böse Überraschungen zu vermeiden, sollte die finale Bewertung einer Aktie nie ohne den Blick auf das GAAP EPS und die dazugehörige Überleitungstabelle erfolgen. Erst die Differenz beider Kennzahlen offenbart die wahre Qualität der Gewinne.